Kind
Reiten als einzigartige Entwicklungschance
Die Edition „Heilwege“ widmet sich insbesondere neuen und zukunftsweisenden Erkenntnissen sowie theoretischen und praktischen Ansätzen in der so genannten ganzheitlich orientierten Heilkunde. Der Titel „Heilpädagogisches Reiten …“ wurde deshalb aufgenommen, weil er Entwicklungs- und Heilaspekte berührt, die jenseits aller Pillen- und Apparatemedizin den Menschen als soziales und sich selbst entfaltendes Wesen betreffen. Hier zeigt sich, dass und wie es ganz besonders kommunikative Ereignisse sind, an denen sich der Mensch zu sich selbst und anderen Wesen gegenüber aufzurichten lernt und das gerade im zwischenmenschlichen Bereich so schwerwiegende nachhaltige Fehlentwicklungen auftreten können, dass sozusagen nur das Tier noch helfen kann.
Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in seiner sensiblen, direkten, berechenbaren und somit zuverlässigen Reaktionsweise, weshalb die heilpädagogische Reitpraxis auch dem Aufbau einer Art Urvertrauens dienen kann. Also bedarf es vor allem des elementaren Umgangs mit den Pferden, wobei sie einfach nur versorgt, gepflegt, beobachtet und so zum Thema zwischenkindlicher Gespräche werden, die manchmal selber heilsam sind.
Der Kontakt zum Pferd und die Auseinandersetzung mit dessen individuellen Eigenschaften fördert auch die Fähigkeit, Personen besser einschätzen und sich ihnen dadurch eindeutiger nähern bzw. verständlich machen zu können.
Einen weiteren wichtigen Heilaspekt stellt der Ausgleich des heute weithin verbreiteten Mangels an Körperkontakt dar, zu dem das Pferd mit seinem oftmals freundlichen Wesen viele Kinder geradezu einlädt. Dabei werden nicht nur sämtliche Sinne angeregt, sondern - besonders bei einsamen Menschen - auch Gefühle des Angenommenseins geweckt. Und weil das Pferd einen respektvollen Umgang fordert, ist es notwendig, für eine gelungene Kommunikation eine gemeinsame Verständigungsbasis zu finden, wobei ruhiges und souveränes Verhalten zur Interaktion motiviert, während aggressives, unkontrolliertes Gebaren eher zum Rückzug bewegt oder Panik erzeugt.
Da die Kommunikation zwischen Kind und Pferd nur auf der körperlichen Ebene stattfindet, kann sie mit dem Dialog zwischen Mutter und Kleinkind verglichen werden. Deshalb ist für Kinder, die der menschlichen Sprache ängstlich bis ablehnend gegenüberstehen, gerade diese Verständigung von besonderer Bedeutung. Das Getragenwerden, der Körperkontakt und die sinnliche Nähe werden mit elementaren frühkindlichen Bedürfnissen assoziiert.
Durch die immer wieder wechselnden natürlichen Reaktionen des Pferdes auf unterschiedlichste Situationen erlernen die Kinder - auch in schwierigen Situationen - neue Lösungswege zu finden. In dieser lebendigen Interaktion können sie ein angemessenes Gefühl für ihre eigenen und dabei auch die Interessen anderer Kinder entwickeln.
Zudem bedeutet der Umgang mit dem Pferd eine völlig unbelastete Lernsituation, wodurch gerade Kinder mit massiven Schulschwierigkeiten die Chance erhalten, ohne den Druck der Leistungsbewertung zu sein. So können Ziele mit viel größerer innerer Motivation verfolgt werden, als bei von außen gesetzten Aufgaben, deren Sinn nicht immer einsichtig ist.
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